Ordo Fratrum Minorum Capuccinorum

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updated 2:27 PM UTC, May 15, 2021

Die Kapuziner in Algerien

Die Kapuziner in Algerien

Ein einfaches brüderliches und missionarisches Leben

Die Gründung der Kapuzinerfraternität in Tiaret geht auf die Entscheidung des Wahlkapitels der Provinz Frankreich-Wallonien im Jahr 2006 zurück. Nach der Konferenz von Madrid im Jahr 2005 über die Säkularisierung in Europa, erkundeten zwei Brüder, Dominique Lebon und Hubert Lebouquin, die Lage und legten ein Dossier vor, über das dann mit großer Mehrheit positiv abgestimmt wurde. Bruder René stieß in Algerien zu ihnen, genauer gesagt in Tiaret, dem Ort, von dem der damalige Bischof sich vorstellte, dass die Mission blühen könnte. Und so war es. Bruder Mariusz aus der polnischen Provinz Krakau kam dann 2013 hinzu, und Bruder Pascal im Jahr 2017, während Bruder Dominique nach zehn Jahren Aufenthalt in Algerien nach Frankreich zurückgekehrt ist.

Die Einfachheit, eine franziskanische Spur

Unser brüderliches Leben in Tiaret, Stadt auf der Hochebene an der Grenze zu Oranien, spielt sich in franziskanischer Einfalt ab. Wir versorgen den Haushalt, wobei uns zeitweise eine Frau unterstützt, die auch Räume der Pfarrgemeinde putzt. Denn wir sind verantwortlich für die Pfarrei Sankt Magdalena in Tiaret, und Mariusz ist ihr Pfarrer. Zur Gemeinde gehören vor allem (um die 20) Studenten aus der Sub-Sahara-Zone und einige Christen aus Algerien. Wir haben ein Oratorium für das gemeinsame und persönliche Gebet, wie auch einen Mehrzwecksaal für die Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen, die am Vorabend und am Tag selbst stattfinden.

Unser wirtschaftliches Auskommen bestreiten wir durch eine Unterhaltszahlung von Seiten der Diözese, die für jeden aktiven Bruder monatlich 21.000 algerische Denare (zirka 100 Euro) bezahlt. Hinzu kommen die Monatspension von Bruder René, die Solidarität der Provinz, die für die Krankenversicherung aufkommt und weitere Schenkungen. Die Ausgaben betreffen außer dem Bedarf für das tägliche Leben, Hilfen für Personen in Schwierigkeiten, die Provinz oder Hilfsmittel für die Mission.

Die Brüderlichkeit als erstes Zeugnis

Die Brüder sind sich bewusst, dass ihr erstes Zeugnis in der Art besteht, wie sie gemeinsam leben. Sie pflegen diese Weise, miteinander in Beziehung zu stehen, mit Hilfe der traditionellen Instrumente des Kapuzinerlebens: regelmäßige Feier des Hauskapitels, einfache Liturgie mit viel Silentium, Mitverantwortung im Haushalt und Arbeitsteilung. Die Brüder sind nicht mit Arbeit überlastet. Die Gastfreundschaft halten sie für ein wesentliches Element ihrer Existenz und wollen damit auch den als Lebendigen bezeugen, von dem sie das Leben im Schweigen des Gebetes, in den Sakramenten und im brüderlichen Miteinander empfangen.

Die friedliche und unentgeltliche Mission inmitten von Muslimen

Unser Weltbezug muss der vom Land auferlegten Grenzen Rechnung tragen: es ist z. B. verboten, Arbeit aufzunehmen ohne ein Arbeitsvisum (die Aufnahme bei einer autorisierten ausländischen Firma). Staatsreligion ist der Islam; Christen sind eine extreme Minderheit, darunter wenige Katholiken, und sie alle werden überwacht. Dies verweist uns an Kapitel 16 der Nicht-bullierten Regel des hl. Franziskus. Tatsächlich versuchen wir, «demütig und allen untertan zu sein», ohne deswegen unsere Würde zu verlieren. Wir verbergen nicht, dass wir Christen sind. Wenn es notwendig ist und «Gott gefällt», sagen wir auch mehr. Es kommt vor, dass algerische Frauen oder Männer zu uns kommen, um über Gott zu sprechen oder über eine Erfahrung mit Christus, dem sie oft im Traum oder durch ein Wunder begegnet sind. Die Begleitung derer, die Christus ruft, gehört zur Mission der Kirche in diesem Land. Auch für sie sind wir hier. Es gibt nichts Besonderes zu tun als einfach präsent zu sein dort, wo man ist, einladend, ohne Wehr und Waffen; aushalten und warten können – und die Sprachen des Landes lernen (außer dem klassischen Arabisch auch den ortsüblichen Dialekt).

Ein dringender Ruf bei lebhaftem Bedarf

Was ist die Situation der Kirche in Algerien? Und wie kann das Kapuzinercharisma auf die gegebenen Herausforderungen antworten?

In Algerien ist eine schwache Kirche

Die Welt, in der wir leben, hat eine lange islamische Tradition. In den sozialen Beziehungen herrscht die Trennung zwischen öffentlich und privat, worin die Frauen das Zweite beherrschen, während die Männer hauptsächlich mit dem Ersten umgehen. Dieser Bezug ändert sich momentan in den Verwaltungen, in der Schule und auf dem Gebiet der Gesundheit.

Dass die katholische Kirche im Land ist, rührt von der französischen Kolonialgeschichte her.  Diesen Ursprung erkennt man noch an vielem: Gebäude, Gebräuche... haben unleugbar europäische Bezüge. Der Beitrag afrikanischer Kongregationen sowie vor allem die lebhafte und dynamische Gegenwart von Studentinnen und Studenten jeglicher christlichen Konfession aus der Sub-Sahara-Zone, erneuert heute dieses Gesicht. Vertriebene oder geflüchtete Christen, die in fremden Fabriken oder in den Botschaften arbeiten, bereichern noch diese schöne Vielfalt.

Die Herausforderungen des neuen Jahrtausends

Die Mission in Algerien ist vom aktuellen Kontext der Welt, in der wir leben, nicht zu trennen. Und diese muss sich, auf ihre Weise, zurzeit mit den schwierigsten Herausforderungen auseinandersetzen, die wir kennen: Klimawandel, Hunger, Krieg.

Die Migration, Anfang eines Phänomens, das erst noch kommen wird

Die erste Herausforderung, die das Leben unserer Kirche betrifft, ist die Migration. Die Stadt Tiaret liegt nicht am Durchgangsweg der Sub-Sahara-Flüchtlinge in Richtung Europa; Orano hingegen befindet sich auf “der ersten Linie” von allem, was mit diesem Phänomen verbunden ist. Die Personen, die in algerischen Gefängnissen sitzen wegen Drogenhandel, Schmuggel oder Herstellung von Falschgeld, sind auch unsere “Pfarrkinder”. Fast 80 Mitglieder der algerischen Kirche, darunter zwei Kapuziner-Brüder, besuchen diese Gefangenen auf dem ganzen Territorium. Diese Mission ist eine der auffallendsten für unsere Kirche und eine der bedeutsamsten für die politische Verwaltung Algeriens.

Die Migranten sind auch im Blick einer besonderen Aufmerksamkeit der Caritas Algeria, die einige Projekte unterhält, bei denen wir mitarbeiten, besonders beim “Garten der Frauen”, ein Diözesan-Zentrum in Orano, bei dem Frauen Gehör und Aufnahme finden.

Aber vor allem verstehen wir uns als eine Kirche der Migranten!

Religionen, die sich feindlich gegenüberstehen, oder Gläubige, die sich anerkennen?

Der interreligiöse Dialog ist natürlich eine der Hauptbeschäftigungen unserer Mission. Wenn wir von dieser Seite des Mittelmeeres die Perspektive wechseln, gewinnt die Rede vom «Zusammenstoß der Kulturen» an Schärfe, und die verschiedenen Meinungen über den Pluralismus, die in Europa und in der Welt im Umlauf sind, machen nachdenklich. Für uns geht es darum, dass wir uns in einer geduldigen und weniger spektakulären Suche darum bemühen, einer inklusiven Kultur zu einer wahren Wiedergeburt zu verhelfen. Die Gläubigen müssen, wie Papst Franziskus einlädt, zusammen den Frieden empfangen und aus der Seligpreisung der Friedensstifter leben.

Letzte Änderung am Montag, 25 Januar 2021 11:26